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Wissenschaftsziele, Erwartungen und wissenschaftliche Praxis

Wissenschaftler:innen stehen unter vielfachen Erwartungen und Anforderungen, die Sie in ihrer wissenschaftlichen Praxis zu integrieren versuchen. Wir wollten für einige ausgewählte Zieldimensionen wissen, erstens, inwiefern die Wissenschaftler:innen diese Ziele überhaupt teilen, d.h. ob sie diese als genuine Ziele der Wissenschaft ansehen. Zweitens, in welchem Maß sie bezüglich dieser Ziele einen Erwartungsdruck empfinden. Und drittens wollten wir hinsichtlich derselben Ziele wissen, welche Priorität die Wissenschaftler:innen diesen in ihrer eigenen alltäglichen Arbeit zuschreiben.  

In qualitativen Interviews, die dem Berlin Science Survey als Vorstudie dienten, haben wir Wissenschaftler:innen verschiedener Fachgruppen gefragt, was für sie gute Forschung ausmacht. Anhand der Antworten haben wir eine Liste an Zielen in der Wissenschaft erstellt. In Pretest-Verfahren haben wir diese Liste dann auf sieben trennscharfe, zentrale Ziele gekürzt.

Das Spektrum der zu bewertenden Ziele in der Wissenschaft umfasst nun eine Mischung aus forschungsbezogenen immanenten Werten („Methodische Strenge“ und „Originalität“), relevanten Themen des wissenschaftspolitischen Diskurses („Open Science“, „Interdisziplinarität“ und die gesellschaftliche Verwertbarkeit der Forschungsergebnisse, im Folgenden auch „Societal Impact“), sowie weiteren salienten Aufgaben und Zielen („Lehre“ und „Publikationsoutput“).

 

Abbildung 1 Ziele der Wissenschaft

 

Die Ergebnisse (Abbildung 1) zeigen, dass die forschungsimmanenten Werte von den allermeisten als übergeordnete oder sogar höchste Ziele betrachtet werden. Interessant ist, dass „gute Lehre“ sowie „Open Science“ ähnlich häufig als wichtige Ziele wahrgenommen werden. „Open Science“ wird somit als wissenschaftliches Ziel von der Community weitaus stärker verinnerlicht als z.B. „Interdisziplinarität“ und „Societal Impact“, obgleich diese teils wissenschaftspolitischen, von außen herangetragenen Ziele ebenfalls recht breite Zustimmung finden.

Lediglich der Publikationsoutput sollte nach dem Urteil der allermeisten Wissenschaftler:innen kein übergeordnetes oder gar höchstes, sondern eher ein untergeordnetes Ziel sein. In diesem Urteil drückt sich aus unserer Sicht ein deutlicher Widerstand aus gegenüber zu einseitig auf quantitativen Publikationsoutput gerichtete Anreizsysteme im Wissenschaftssystem. Der Widerstand gegen diese Art von Anreizsystemen wird schließlich nach wie vor intensiv debattiert, wie bspw. jüngste Forderungen der EU-Kommission[1] zeigen, die sich für eine Überarbeitung des Leistungsbewertungssystems in der Wissenschaft einsetzen. Die Widersprüchlichkeit zwischen Relevanzzuschreibungen seitens der Wissenschaftler:innen und externen Erwartungen mit Blick auf den Publikationsoutput zeigt sich zudem, wenn man kontrastierend den wahrgenommenen Erwartungsdruck betrachtet (Abbildung 2).

 

Abbildung 2 Erwartungsdruck hinsichtlich der Ziele

 

Denn vor allem beim Publikationsoutput nehmen die Wissenschaftler:innen einen sehr hohen Erwartungsdruck wahr (siehe Abbildung 2). Bezüglich der eher forschungsimmanenten Ziele, Originalität und methodische Strenge, wird von den meisten immerhin ein hoher Erwartungsdruck empfunden.

Bei allen anderen Zielen wird der Erwartungsdruck von einer deutlichen Mehrheit als gering oder überhaupt nicht vorhanden eingeschätzt. Am seltensten wird Erwartungsdruck hinsichtlich „guter Lehre“ und „Open Science“ empfunden. Das ist einerseits bemerkenswert, da diese Dimensionen bei der normativen Einschätzung der Ziele einen hohen Stellenwert eingenommen haben, andererseits aber auch nicht verwunderlich, da diese Aspekte wissenschaftlicher Arbeit bspw. in die derzeit implementierten Bewertungssysteme kaum oder keinen Eingang gefunden haben.

Wie aber priorisieren die Wissenschaftler:innen in diesem Spannungsfeld multipler Anforderungen und Ziele ihre alltägliche Arbeit? Abbildung 3 zeigt, dass einerseits solche Ziele priorisiert werden, die von den Befragten selbst als wichtige Ziele für die Wissenschaft angesehen werden: die forschungsimmanenten Werte „methodische Strenge“ und „Originalität“. Andererseits werden auch Ziele stark priorisiert, auf denen der höchste Erwartungsdruck liegt, sprich:  der „Publikationsoutput“.

 

Abbildung 3 Priorisierung der Ziele in der eigenen Arbeit

 

Insofern muss auf den ersten Blick nicht davon ausgegangen werden, dass externe Erwartungshaltungen und Zielsetzungen, wie oft angenommen, die Forschungsqualität negativ beeinflussen: Zwar ist der von außen kommende Erwartungsdruck wie bei „Publikationsoutput“ offensichtlich sehr hoch, andererseits wägen die Wissenschaftler:innen dies gegenüber eigenen normativen Zielsetzungen ab. Die Priorisierung geht somit nicht auf Kosten der Forschungsqualität, sondern eher auf Kosten sekundärer Ziele, die nicht mit allzu großem Erwartungsdruck verbunden werden.   

Auch „gute Lehre“ hat für viele Wissenschaftler:innen eine hohe Priorität, obgleich auch ein knappes Drittel guter Lehre „überhaupt keine“ Priorität einräumt, jedoch muss man hier einschränken, dass auch Wissenschaftler:innen befragt wurden, die ggf., nicht aktiv an der Lehre beteiligt sind. Da dieses Ziel in der Wissenschaft nicht mit hohem Erwartungsdruck verbunden ist, schlussfolgern wir, dass hier bei den meisten vor allem die intrinsische Motivation für die Zielerreichung hoch ist.

Die wissenschaftspolitischen Ziele „Interdisziplinarität“, „Societal Impact“ und „Open Science“ stehen bei den Wissenschaftler:innen an letzter Stelle der Priorisierung. Dies könnte sich in den nächsten Jahren ändern, wenn diesbezüglich der Erwartungsdruck steigt, oder aber die eigene normative Zielsetzung der Wissenschaftler:innen sich entsprechend verschiebt. 

 

[1] European Commission, Directorate-General for Research and Innovation, Towards a reform of the research assessment system: scoping report, Publications Office, 2021, https://data.europa.eu/doi/10.2777/707440